Unsere Praxisarbeit wurde bereichert durch eine vertiefte Wahrnehmung des Patienten, durch eine strukturierte und systematisierte Fallbearbeitung und durch ein ebensolches Mittelstudium.

Die folgenden Erläuterungen können kein Einführungsseminar in die Methodik ersetzen. Ein geplanter Band mit gesammelten Kasuistiken wird dafür hoffentlich mehr Raum bieten.Trotzdem möchten wir einige Aspekte unserer Erfahrung aufgreifen:


Eine andere Anamnesetechnik

In einem Zeitrahmen von etwa zwei Stunden halten wir das Gespräch mit dem Patienten möglichst im Wortlaut fest.
Eine wertfreie Grundhaltung und eine offene Fragestellung sind dabei von entscheidender Bedeutung. Entsprechende Fortbildungskurse in Themenzentrierter Interaktion, in Gesprächsführung und Aktivem Zuhören z.B. nach Thomas Gordon, oder Carl R. Rogers, können wir nur empfehlen.

An erster Stelle steht der Spontanbericht des Patienten, sowie das genaue Erfassen aller Beschwerden, die ihn zu uns führen. Wir legen Wert auf die Feststellung, dass unsere Methodik nicht allein die Mind-Symptome erfassen will, sondern dass auffällige Körpersymptome von grosser Bedeutung für eine Patientenhypothese sein können.
Die Frage nach der Causa führt uns oft auf die psychische Ebene. Dabei legen wir unser Augenmerk vor allem auf die im Kapitel "Themenliste" beschriebene Motivation, die hinter allgemein menschlichen Reaktionen Freude, Trauer, Wut und Angst steht.

Erzählte uns früher jemand, er leide seit dem Tod seiner Frau unter bestimmten Symptomen, flackerte sofort die Repertoriums-Rubrik "Beschwerden durch Kummer" auf, und wir fragten vielleicht noch nach, ob er denn ab und zu weinen könne. Natürlich sagte der Mann meistens, er weine nur gerade, wenn er allein auf dem Friedhof stehe, und die Schiene zum Arzneimittel Natrium muriaticum war vorprogrammiert.
Heute fragen wir deshalb nach, was ihn denn am Tod seiner Frau am meisten betroffen gemacht habe: Jemand leidet z.B. darunter, dass der Pfarrer die Begräbnisfeier in unziemlicher Hast erledigt hat. Ein zweiter ist auf seine Frau sauer, weil sie ihn so im Stich gelassen hat und er sich nun allein versorgen muss, ein dritter zerbricht fast daran, dass er das Leiden seiner Kinder miterleben muss, usw. Diese Symptome haben nun einen psychischen Inhalt, den wir für eine Patienten-Hypothese verwenden können.

Selbst banale Aussagen können verraten, wo der individuelle Fokus der inneren Aufmerksamkeit liegt. So könnte eine Patientin von ihrem momentanen Stress berichten, weil sie demnächst mit ihren drei Kindern allein nach Italien fahre. Da wir geneigt sind, diese Reaktion für "normal" zu halten, verpassen wir vielleicht die Nachfrage. Auf diese könnten wir überrascht erfahren, dass die Patientin unter einer Tunnelphobie leidet, oder dass sie fürchtet, ihr Auto werde ausgeräumt, oder dass sie glaubt, die zweiwöchige Trennung von ihrem Liebhaber nicht aushalten zu können.

Mit einer klassischen Kopf-zu-Fuss-Befragung runden wir die Anamnese ab.


Welch ein Zeitaufwand

Einer der wichtigsten Kritikpunkte an der so genannten Masi-Methode richtet sich gegen den hohen Zeitaufwand in der Fallbearbeitung.
Es stimmt, dass wir für die Erstellung einer Patienten-Hypothese zwei bis vier Stunden einsetzen.

Ein Gewinn zeigt sich dann, wenn es gelingt, ein möglichst passendes Mittel (das so genannte "Simillimum“) zu verordnen, welches dem Patienten über eine lange Zeit Besserung bringt. Es wird sich z.B. in einer akuten Erkrankung, bei einem speziellen Stress oder bei einem Rückfall bewähren. In all diesen Situationen brauchen wir kein neues Mittel zu suchen. Wir begleiten vielmehr den Patienten und entscheiden je nach Situation über die Höhe der einzusetzenden Potenz.


Nur noch ein Mittel fürs ganze Leben

Um diese Frage beantworten zu können, werden wir — so es uns gegeben ist — noch ein paar Jahrzehnte weiter arbeiten und Fallverläufe beobachten müssen. Masis Postulat des einen und einzigen Mittels scheint auch uns zu absolut.

Der Anspruch, für jeden Menschen das Simillimum zu finden, scheitert an verschiedenen Gegebenheiten: Es gibt zu wenig ausreichend geprüfte Substanzen. Nur wenige von ihnen stehen uns in revidierter Form zur Verfügung. Der Zugriff über Stichwortverzeichnisse und Repertorien lässt selbst im Computer-Zeitalter noch Wünsche offen. Ganz entscheidend aber ist, dass sich Heilung letztlich unserem Willen und der Berechenbarkeit entzieht.

Um ein Arzneimittel zu verordnen, sind wir nach wie vor auf eine klassische Repertorisa-tion angewiesen. Das Schwergewicht legen wir dabei auf die § 153-Symptome, nicht so sehr auf die Mind-Rubriken. Ein Beispiel dafür, wie anfällig die Gemüts-Rubriken für Übersetzungs- und andere Fehler sind, im Kapitel Anmerkungen von Gratiola dokumentiert.

Die seltenen Fälle, in denen wir erlebten, dass ein einziges Mittel die Patienten über Jahre zur allseitigen Zufriedenheit begleitet und eine wirkliche Entwicklung in Gang gebracht hat, sind dermassen befriedigend, dass wir immer wieder neu motiviert werden, trotz aller Unzulänglichkeiten weiter zu forschen.


Neue Beurteilung des Fallverlaufs – durch die miasmatische Dynamik

Wie oben ausgeführt, halten wir einen Menschen dann für gesund, wenn ihm das Flottieren zwischen verschiedenen miasmatischen Phasen noch gelingt (sekundäre Psora), wenn er mit Höhen und Tiefen seines Daseins angemessen umgehen kann.

In der tertiären Psora ist die Beweglichkeit zwischen diesen Reaktionsmechanismen hingegen gestört. Es werden Blockaden aufgebaut und der Mensch verharrt in einer der Kompensationshaltungen. Er behauptet, eigentlich keine Probleme zu haben, wären da nicht diese lästigen körperlichen Beschwerden (Egotrophie). Oder er sieht nur noch schwarz und versinkt in einer tiefen Depression (Egolyse). Oder er beschuldigt die anderen Menschen, an seinem Leiden schuld zu sein (Alterolyse).

Umgekehrt zu dieser Dynamik verläuft nun der Heilungsprozess: wenn ein Mensch sein ihm ähnlichstes Heilmittel bekommt. Während körperlich nach wie vor die Hering'sche Regel gilt, verläuft die Heilung auf der psychischen Ebene in entgegengesetzter Richtung als von der klassischen Homöopathie postuliert:

Die Bewältigungsstrategie des Patienten fällt zusammen und er durchläuft eine Zeit von Ängsten, Niedergeschlagenheit und Unsicherheit, gleichzeitig aber eine Besserung seiner körperlichen Beschwerden. Die Inhalte dieser so genannten psorischen Krise müssen zwingend im Zusammenhang stehen mit dem Grundgedanken des verabreichten Arzneimittels und mit der Biographie des Patienten. Sähen wir in dem Moment eine "sinnlose" Krise, würde dies eher auf eine unfreiwillige Mittelprüfung hinweisen.

Während der psorischen Krise können verschiedene Reaktionen auftreten: Ein Mensch wird zornig auf sein Schicksal, kommt in Kontakt mit seinen existenziellen Ängsten, fühlt sich plötzlich unsicher auf einem bisher vertrauten Territorium, erinnert sich spontan an Kindheitsängste und Traumen, erlebt aber auch euphorische Phasen der Zuversicht — bis sich dies alles schliesslich in einer gesunden Balance einpendelt.

Mit anderen Worten: Heilung verläuft von der tertiären zur sekundären Psora hin. Im Idealfall erkennt der Mensch sogar ein Stück weit seinen "Knick in der Optik" und findet damit einen kreativen Umgang.

Nach herkömmlichen Verschreibungen sehen wir dagegen oft, dass Menschen sich zwar psychisch stärker fühlen, die körperlichen Beschwerden aber hartnäckig persistieren oder sich auf ein anderes Organ verlagern. In dem Fall wäre eine so genannte Egotrophierung im Gange, d.h. eine Verschiebung des Krankheitsgeschehens in Richtung tertiärer Psora.

Dank der "miasmatischen Dynamik" können wir einen Heilungsverlauf also wesentlich sicherer beurteilen und begleiten.




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