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In einem zweiten Bearbeitungsschritt werden die in der Themenliste vorsortierten Symptome nach neuen Kriterien geordnet. Um zu verstehen, auf welche Weise dies geschieht, bedarf es eines kurzen Ausflugs in die Geschichte und Philosophie der Homöopathie:
Hahnemann postuliert in seiner Miasmen-Theorie in den "Chronischen Krankheiten" eine Grundkrankheit des Menschseins, die so genannte Psora. Diese Idee einer "primären Ursache" für Krankheit und Leiden ist auch in anderen philosophischen oder religiösen Systemen bekannt, man denke etwa an die christliche Erbsünde. Später ergänzte Hahnemann zwei weitere Miasmen, nämlich Sykosis und Syphilis, in jüngerer Zeit wurde von anderen Homöopathen ein Tuberkulose- resp. ein Krebs-Miasma vorgeschlagen.
Eine Unklarheit in der Miasmen-Diskussion rührt sicher daher, dass einer "Grundkrankheit Psora", einer ursächlichen "Erbsünde", die den Menschen krank macht, eigentlich keine weiteren "Sündenfälle" hinzugefügt werden können.
Wie sich später noch deutlicher zeigen wird, eignen sich aber die weiteren Miasmen, um Krankheitsverläufe zu beschreiben. "Sykotische" oder "syphilitische" Symptome beschreiben eine dynamische Entwicklung im Krankheitsprozess, dieser wird z.B. dramatischer, ernster, und schwerer therapierbar. Er wandelt sich von der funktionellen Störung (Psora) zur Wucherung (Sykosis) und schliesslich zur Läsion (Syphilis).
Masi-Elizaldes grosses Verdienst ist die Entdeckung, dass sich eine vergleichbare Dynamik auf der psychischen Ebene des Menschen abspielt. Einer "Urschuld" (der so genannten primären Psora) begegnet der Mensch in einer ersten Reaktionsphase mit Angst (sekundäre Psora). Weil dieser Zustand auf Dauer nicht angenehm ist, kompensiert er die Angst in einer nächsten Phase (tertiäre Psora) durch Aufblähung (Egotrophie), Flucht (Egolyse) oder Angriff (Alterolyse).
Dieses Geschehen lässt sich in den Symptomen jedes hinreichend geprüften Mittels nachvollziehen. Es gibt also keine "psorischen", "sykotischen" oder "syphilitischen" Mittel mehr, wohl aber entsprechende Phasen innerhalb einer jeden Symptomsammlung. Diese dynamische Entwicklung wird in den folgenden Abschnitten näher erläutert.
MIASMATISCHE DYNAMIK – SEKUNDÄRE PSORA
Als erstes sammeln wir die Symptome, welche ein individuelles Leiden ausdrücken: Ängste, Trauer, schreckhafte Träume, furchterregende Phantasien usw. Später versuchen wir, daraus Rückschlüsse zu ziehen auf den Wesenskern des Arzneimittels, resp. des Patienten.
Ein wesentliches Merkmal der sekundären Psora ist es, dass der Mensch hier noch fähig ist, seiner Angst zu begegnen, seinem Leiden Ausdruck zu geben und es in unterschiedlicher Weise — z.B. mit vorübergehenden Kompensationshaltungen der tertiären Psora — zu bewältigen.
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MIASMATISCHE DYNAMIK – TERTIÄRE PSORA
Um nicht ein Leben in Angst, respektive im Leidenszustand der sekundären Psora zubringen zu müssen, entwickelt jeder Mensch verschiedene Kompensationsmechanismen. So lange ein freies Flottieren zwischen den verschiedenen Haltungen möglich ist, nehmen wir wie bereits erwähnt ein psychisches Gleichgewicht an und halten einen Menschen für relativ gesund. Im alltäglichen Leben ist es nötig, mal Angst zu haben, dann wieder eine egotrophe Haltung einzunehmen, um eine besondere Aufgabe anzupacken, oder auf ein trauriges Ereignis mit Niedergeschlagenheit zu reagieren. Wenn sich aber eine der Kompensations-Strategien verfestigt und die betreffende Person in einer bestimmten Haltung verharrt, sprechen wir von "tertiärer Psora".Diese umfasst die drei folgenden Möglichkeiten:
Egotrophie Die Aufblähung, "Sykotisierung" oder Hypertrophie des Ego: Der Mensch versucht, sein individuelles Leiden zu verdrängen, indem er es zu seiner persönlichen Lebensphilosophie, einer Art Vollkommenheitsvorstellung erhebt. Gerade dort, wo seine grösste Empfindlichkeit liegt, entwickelt er die höchsten Ansprüche. Er will wie der "Kleine Häwelmann" in der Kindergeschichte von Theodor Storm "mehr, mehr" von einem bestimmten Bereich seines Lebens (s. Anmerkungen am Ende des Einführungskapitels). Wir sollten darauf achten, diese Haltung nicht als moralisch verwerflich zu beurteilen, wie es einer alten christlichen oder einer neueren esoterischen Denkweise vielleicht entsprechen würde. Eine andere Form der Egotrophie ist die Kompensation des Verlusterlebens (dieses wird im Kapitel "Primäre Psora" genauer beschrieben). Der Mensch sagt sich hier, dass es gar keine Unzulänglichkeit gibt, er schaltet sein Leiden aus, indem er es leugnet oder nicht zur Kenntnis nimmt. Die Lafontain’sche Fabel vom Fuchs und den Weintrauben illustriert diese Haltung trefflich.
Egolyse Eine weitere Kompensationsform des menschlichen Leidens ist Flucht oder Rückzug. In der syphilitischen Lysis begegnen wir einer "Auflösung des Ego", d.h. Symptomen wie Depression, tiefsitzender Resignation und letztendlich dem Suizid. Zeigen sich in den Phasen von sekundärer Psora und Egotrophie bunte, individuelle Symptome, wird das Mittelbild hier immer düsterer, einheitlicher und schwerer unterscheidbar.
Alerolyse In der dritten Variante der tertiären Psora geht der Mensch dazu über, die Verantwortung für sein Leiden der Mitwelt zuzuschieben. Er wird aggressiv, schimpft, prügelt und kann so weit gehen, seine Probleme erledigen zu wollen, indem er ein Stück Aussenwelt zerstört.
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LEITMOTIV – PRIMÄRE PSORA
Bis hierher haben wir eine Neugruppierung bekannter Symptome (Themenliste) und eine Einteilung in einen dynamischen psychischen Ablauf (miasmatische Dynamik) vorgenommen. Um aus dem vorliegenden Material nun eine Kernidee herausschälen zu können, begeben wir uns auf die Ebene der primären Psora, in die Gedankenwelt der Ursünde oder — weniger christlich-moralisch formuliert — auf die Suche nach dem individuellen "Knick in der Optik".
Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch eine etwas verzerrte Wahrnehmung in sein Dasein mitbringt. Wir nennen dies, den "Knick in der Optik". Dieser macht es ihm unmöglich, sich selbst und seine Umgebung objektiv oder vollständig zu sehen. Da die Verzerrung ganz individuell ist, sind die Menschen in ihren Denkweisen, Empfindlichkeiten, Ängsten, Träumen usw. absolut voneinander verschieden. Diese Einzigartigkeit hilft uns nun, ein vielschichtig wirkendes Arzneimittel zu verschreiben – falls es gelingt, die so genannte primäre Psora eines Patienten zu verstehen und sie mit der Kernidee eines Arzneimittels in Beziehung zu setzen.
Man muss sich bewusst machen, dass die Aussagen über die primäre Psora auf einer Meta-Ebene liegen: Hier lassen sich Schlüsse ziehen, Thesen aufstellen, Vermutungen äussern. Es ist jedoch unmöglich, ein Arzneimittel oder gar einen Patienten direkt in dieser vertieften Art und Weise wahrnehmen zu wollen.
Zwar gibt es Symptome, welche die primäre Psora deutlich illustrieren, z.B. Träume, Wahnideen oder Als-ob-Empfindungen. Um aber den roten Faden in die Hand zu bekommen, an dem entlang wir die Grundproblematik einer Arzneisubstanz ent-wickeln können, müssen wir uns weiteren Fragen zuwenden:
Welche „Conditio humana“ lehnt er ab? Wo wünscht er sich Vollkommenheit? Jedem Menschen sind eine Vielzahl von Pflichten und Einschränkungen auferlegt: Die Auseinandersetzung mit dem Körper, die tägliche Arbeit, die Sorge um die Familie, die Beziehung zum Mitmenschen, die Fragen nach dem Sinn von Leben, Krankheit und Tod usw. halten ihn ein Leben lang in Atem.
Dort, wo der Mensch sich nun am meisten gegen sein Schicksal empört, ausgerechnet mit dieser Aufgabe betraut worden zu sein, verbirgt sich seine Ablehnung: Diese Bedingung des Menschseins, diese Conditio humana will er nicht akzeptieren. Umgekehrt hat er vom gleichen Bereich eine Vollkommenheitsvorstellung. In seinem Inneren trägt er die Idee von einer heileren Welt, er weiss zutiefst, wie er sein Dasein verbessern würde, wenn es in seiner Macht stünde.Egotrophe Symptome stellen dieses Wunschdenken oft bildlich dar und zeigen, wo dieser Mensch "mehr, mehr" will.
Wo erlebt er deshalb ein Nichtgenügen, einen Verlust? Offenbar ist es der menschlichen Psyche tief eingeprägt, dass sie für ihre Hybris, für ihren Vollkommenheitsanspruch eine Bestrafung erwartet. Nehmen wir an, jemand strebe nach einer vollkommenen Liebesbeziehung. Dieser Mensch will also etwas, was nicht zu haben ist und erlebt folgerichtig in dem Bereich immer eine Frustration, oder wie oben erwähnt ein Verlustgefühl. Man kann jetzt weiter Fragen, welche Ängste er an dem Punkt erlebt: In unserem Beispiel würde der Patient sich davor fürchten, auf andere Menschen zuzugehen, oder Angst haben, mit seinem ungenügenden Körper nicht attraktiv für andere zu sein, oder so sehr um den Verlust seines Partners bangen, dass er sich lieber auf keine Beziehung einlässt.Sowohl aus dem individuellen Verlust-Erleben als auch aus den konkreten Ängsten vor einer Bestrafung lassen sich Rückschlüsse ziehen auf den Vollkommenheitsanspruch und damit auf die Kernidee.
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Worauf richtet sich der Fokus der inneren Aufmerksamkeit? Wenn wir uns den „Knick in der Optik“ wie in der untenstehenden Grafik bildlich vorstellen, sehen wir, dass in dem Bereich, wo der „innere Suchscheinwerfer“ hinfällt, besonders grosse Aufmerksamkeit liegt. Hier befindet sich der empfindlichste Punkt wo der Mensch „allergisch“ reagiert, dort fühlt er sich immer unmittelbar betroffen, gekränkt, aufgewühlt.Um im obigen Beispiel zu bleiben: Ein Mensch, der sich eine vollkommene Liebesbeziehung wünscht, reagiert z.B. das erste Mal in der Pubertät, dann bei jeder Zurückweisung oder Enttäuschung, vielleicht sogar bei der Lektüre von Groschenromanen. Ereignisse, die anderen Menschen banal vorkommen, machen dieses Individuum betroffen, vielleicht sogar körperlich krank, weil seine primäre Psora gereizt wurde.
Wie könnte sich ein bewusster Umgang mit der Grundproblematik darstellen? Im Laufe unserer Arbeit wurde uns bewusst, dass nicht alle Erscheinungsformen eines Arzneimittels abgedeckt sind, wenn man nur die pathologischen Verhaltensweisen beschreibt. Wir versuchen uns also neu bei jedem Mittelbild vorzustellen, wie ein Mensch aussehen könnte, der sich seiner Psora so weit als möglich bewusst geworden ist und einen kreativen Umgang damit gefunden hat — „zu dem höhern Zwecke unsers Daseins“ wie Hahnemann im „Organon“ schreibt. Die Nuancierung zur Egotrophie hin ist dabei manchmal hauchdünn. Der Leser sei durchaus zur eigenen Beobachtung und Reflexion aufgefordert.
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