Das Ähnlichkeitsgesetz, das Samuel Hahnemann im Jahr 1790 formulierte, liegt heute noch jeder klassisch homöopathischen Behandlung zugrunde. Darüber, dass Ähnliches mit Ähnlichem geheilt werde, sind sich alle Homöopathinnen und Homöopathen einig.
Jede und jeder von ihnen wird aber in der praktischen Arbeit rasch die Erfahrung machen, dass diese Grundprämisse nicht reicht, um in allen Fällen ein wirksames Mittel verordnen zu können.

Um den Menschen in seinem tiefsten Sein therapeutisch anrühren und heilen zu können, brauchen wir eine Vorstellung davon, wo seine innerste und ganz individuelle persönliche Problematik liegt. Und wir brauchen Arzneisubstanzen, welche ebenfalls auf ihre individuelle Einzigartigkeit hin untersucht worden sind. Nur wenn eine Verordnung — wie immer sie zustande kommt — diese tiefen Ebenen miteinander in Resonanz bringt, gelingt wahre Heilung.

Auch wir standen nach ersten Praxisjahren vor der Schwierigkeit, entweder die wirkliche Individualisierung aufzugeben und mit zwei bis fünf Dutzend gut bekannter Arzneien zu behandeln, oder aber hartnäckig an der Hahnemannschen Forderung nach dem ähnlichsten Heilmittel festzuhalten — und weiterzusuchen. Es war in dem Moment eine grosse Hilfe, als wir 1994 in Seminaren von Dr. Stefan Preis und Dr. Peter Mattmann auf die homöopathische Methodik des argentinischen Arztes Dr. Alfonso Masi-Elizalde aufmerksam wurden. Diese erlaubte erstmals eine ganz systematische Analyse von Arzneimitteln und Patientengeschichten. Sie bestätigte den Anspruch an eine konsequente Individualisierung und führte schnell weg von der so genannten Polychrest-Homöopathie. Darüber hinaus lieferte die Methodik auch erstmals ein Verständnis dafür, wie die Miasmen-Theorie aus heutiger Sicht verstanden und praktisch angewendet werden kann.

In den Jahren 1996/97 waren wir beteiligt an der Publikation der Materia medica homoeopathica, revidiert nach Dr. A. Masi-Elizalde. Von 1998-2000 leiteten wir mehrere Seminare zur Masi-Methode in den Räumen der damaligen Gemeinschaftspraxis von "Homöopathie im Zentrum" in Basel.

Unser wichtigstes Ziel war es dabei, eine Verbesserung des Arzneimittelstudiums, der Anamnesetechnik und der Verlaufsbeurteilung zu erreichen und zu vermitteln — jedoch nicht, eine möglichst umfassende Theorie der Homöopathie zu liefern. Schon mit diesem Anspruch gerieten wir in eine von Masi-Elizalde etwas abweichende Position. Dessen Anliegen ist eher die Suche nach einer absoluten Wahrheit in der Beschreibung des homöopathischen Arzneimittels und damit eine wesentlich grössere Sicherheit in der Verschreibung eines so genannten Simillimums.

Eine noch deutlichere Abweichung vom Gedankengut Masi-Elizaldes ergab sich durch den Bezug seiner Methode zur Philosophie des Thomas von Aquin. Obwohl Masi-Elizalde selbst immer betonte, es sei nicht der religiöse Aspekt dieses philosophischen Gedankengebäudes, welcher in der homöopathischen Arbeit von Bedeutung sei, störten wir uns zunehmend an der christlich-patriarchalen Sprache, am Nichtvorkommen von Frauenthemen, an den absolut gesetzten Gottesbegriffen, an der ganzen Moral von Sünde und Strafe, die unserer Meinung nach die Frage nach Krankheit und Heilung des Menschen nur belastet, statt sie zu erhellen.

Immer wieder versuchten wir zwar, "Sünde" nicht als "Sünde", d.h. nicht als etwas falsch Gemachtes, Negatives, Böses zu verstehen, ebenso "Strafe" nicht als etwas, was einen quasi "von oben" ereilt — aber so recht gelingen wollte die Umdeutung nie, da die Begriffe durch unseren gesellschaftlichen Kontext doch zu sehr belastet sind.
Als wir schliesslich anfingen, unsere Resultate schriftlich zu fixieren, gerieten wir endgültig in die Zwickmühle — wer nicht "Sünde" meint, sollte auch nicht "Sünde" hinschreiben! Befreien konnten wir uns vom Ballast christlicher Terminologie und thomistischer Philosophie in dem Moment, als wir in der Revision der Arzneimittel nicht mehr nach einer "Ursünde" und nach einer "geneideten göttlichen Eigenschaft" suchten.

Statt dessen formulierten wir die Frage nach dem "Knick in der Optik", den offenbar jeder Mensch bei seiner Geburt mitbringt. Zahlreiche Philosophien und psychologische Ansätze gehen von einem solchen "Grundproblem" aus. Unser Ansatz wird im untenstehenden Kapitel "Primäre Psora" noch näher erläutert.

Wir hoffen, dass durch unsere eher praxisorientierte Vorgehensweise auch jene Homöopathinnen und Homöopathen einen Zugang zu den positiven Entwicklungen finden, die dank Masi-Elizalde in die Homöopathie Einzug gehalten haben, welche bis jetzt sofort assoziierten „ach, das ist diese religiöse Geschichte...“.

Wir möchten an dieser Stelle betonen, dass unsere Ergebnisse vorläufiger Art sind und durch Anwendung in der Praxis bestätigt oder revidiert werden können.




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