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1755 Der Porzellanmalersohn Christian Friedrich Samuel Hahnemann wird am 10. April in Meissen geboren.
1770 Nachdem er als Krämerlehrling in einer Leipziger Materialwarenhandlung seine wachgerufenen Geister nicht befriedigen konnte, brannte er durch und vermochte mit Hilfe seines fürsorglichen Magisters an die Fürstenlandschule St. Afra mit welcher er besonders verbunden war, wegen deren Wahlspruch, welchen er auch zum Motto seines Organon und seines Lebens machte. „Aude sapere“ wage weise zu sein!
1775 Medizinstudium in Leipzig. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich als Sprachlehrer in Deutsch und Französisch und als Übersetzer.
1776 Enttäuscht vom Studium in Leipzig, wo Theorie und Autoritätsgläubigkeit ohne Praxis gelehrt wird, reist er nach Wien. Jahre später lehrt er selber in Leipzig (wo sein Denkmal steht). Wien : „Dem grossen praktischen Genie, dem Leibarzt von Quarin, verdanke ich, was Arzt an mir genannt werden kann.“ Freiherr Dr. Joseph von Quarin, kaiserlicher Leibarzt von Maria Theresia leitet das Spital der Barmherzigen Brüder. Durch seine finanzielle Notlage ist H. gezwungen Wien schon nach 9 Monaten wieder zu verlassen. Quarin hilft ihm jedoch weiter. Lässt eine Praxis in Hermannstadt / Siebenbürgen einrichten, wo er arbeitet als Hausarzt und Bibliothekar.
1779 Nach fast zwei Jahren Praxistätigkeit will er sein unterbrochenes Studium beenden und das Doktorexamen ablegen. Nach nur ein Semester besteht er das Doktorexamen in Erlangen. Dissertationsschrift: Ursächliche und behandlerische Betrachtung krampfhafter Affekte. Am 10. August 1779 erhält er den Doktorhut.
1781 1. Dez. heiratet er Henriette Küchler
1782 1. Tochter Henriette. Es erscheint das 1. Buch „Anleitung alte Schäden und faule Geschwüre gründlich zu heilen.“
Den Lebensunterhalt bestreitet er nach wie vor hauptsächlich durch Übersetztungen. Er übersetzt „Laborant im Grossen oder Kunst, die chemischen Produkte fabrikmässig zu verfertigen.“ Immer hinterlässt er bei seinen Übersetzungen eigene Ergänzungen, welche dieses Chemiebuch für lange Zeit zum vollkommensten und besten Buch über chem. Fabrikprodukte werden lässt. Zweibändig erscheint es 1785.
Es folgen mehr als zwei Jahrzehnte des Lebens auf der Landstrasse gegen seien inneren Willen. Von Gommern weiter nach Dresden, Lockwitz, Leipzig, Stötteritz, Gotha, Molschleben, Göttingen, Pyrmont, Braunschweig, Wolfensbüttel, Königslutter, Gotha, Altona, Hamburg, Mölln, Machern, Eilenburg, Wittenberg, Dessau, Torgau, Leipzig, Köthen, Paris.
1786 Friedrichs Geburt 1788 Wilhelmines Geburt
Er zieht nach Lockwitz. (Das Leben auf dem Land ist günstiger.) Will so kein Arzt mehr sein. Später schreibt er „Auf diese Art ein Mörder oder Verschlimmerer des Lebens meiner Menschenbrüder zu werden, war mir der fürchterlichste Gedanke, so fürchterlich und ruhestörend für mich, dass ich in den ersten Jahren meines Ehelenbens die Praxis ganz aufgab und fast keinen Menschen ärztlich behandelte, um nicht noch mehr zu schaden und bloss mich mit Chemie und Schriftstellerei beschäftigte.“
1789 Übersetzt er die Abhandlung über die Materia Medica von William Cullen aus dem Englischen. Cullen stellt die Wirkung der Chinarinde bei Wechselfieber dar. Hahnemann ist unbefriedigt mit den spekulativen Ansichten Cullens über die heilende Wirkungsweise von China, die durch die Stärkung des Magens hervorgerufen werde. Intuitiv erkennt er, dass die wirkliche Arznei-wirkung nur durch den Einblick in die Auseinandersetzung der Kräfte dieses Mittels mit dem Menschen zu erfahren ist.
Der Sucher wird zum Finder. Er durchlebt seine erste Arzneimittelprüfung. „Ich nahm des Versuchs halber etliche Tage zweimal täglich, jedesmal 4 Quentchen gute China ein....kurz alle mir sonst beim Wechselfieber gewöhnlichen Symptome erschienen nacheinander, doch ohne eigentlichen Fieberschauder. Dieser Paroxysm dauerte 2-3 Std. jedesmal und erneuerte sich, wenn ich die Gabe wiederholte, sonst nicht.“
1790 Der „Anzeiger“ (der Verleger, ein Freund Hahnemanns, der immer wieder Artikel von ihm veröffentlicht) berichtet, dass der Herzog Ernst von Sachsen-Gotha einen Teil seines Schlosses Georgenthal zum Zwecke einer Privatirrenanstalt zur Verfügung stellt.
Der erste Patient, den Hahnemann zur Familie mit 5 Kindern aufnimmt auf dem Schloss, ist der Geheime Kanzleirat Klockenbring. Erste Feinde werden sichtbar – Angriffe auf das hohe Honorar von tausend Talern, eines einzigen Patienten. Es folgt eine reine Beobachtungszeit der Paranoia des Patienten rund um die Uhr, in den ersten Wochen der Behandlung. Hahnemann erkennt den Begriff der Verstimmung der Lebenskraft. Die zum Schluss erfolgreiche Behandlung dauert vom Sommer 1792 bis Frühjahr 1793.
1792 Geburt des sechsten Kindes (Ernst) und Aufbruch nach Pyrmont. Ein Unfall auf der Reise kostet das Leben des Säuglings. Zwischenhalt in Göttingen. Weiterreise im Oktober.
1793 Frühjahr: Zwillinge werden geboren. Eines der Mädchen ist tot, das lebende, Friederike ist Hahnemanns fünfte Tochter. Abreise nach Braunschweig und nach kurzer Zeit weiter nach Wolfensbüttel. Frau Hahnemann erwartet wieder ein Kind.
1794 Verfassung der ersten Schrift über Wesen und Wert der Homöopathie. „Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen, nebst einigen Blicken auf die bisherigen.“ Diese leitet eigentlich die Geschichte der Homöopathie ein, obschon der Begriff der Homöopathie erst 1807 folgt.
Schliesslich kommt er zu seinem eigentlichen Thema. Wert und Wirkung einer Arznei lässt sich einzig aus der Wirkung der zu prüfenden Substanz im gesunden menschlichen Körper erkennen. Die drei Hauptlehrsätze heissen jetzt: „Man passe einer Krankheit ein ihr in seiner direkten anfänglichen Hauptwirkung sehr gleichendes Heilmittel an, die indirekte Nachwirkung ist dann zuweilen gerade die Körperstimmung, die man zu erzielen sucht.“ „Die Palliativmittel schaden deshalb so sehr, indem sie nach ihrer ersten, den Symptomen entgegengesetzten Wirkung eine Nachwirkung zurücklassen, die dem Hauptübel ähnlich ist.“ „Je mehr krankhafte Symptome die Arznei in ihrer direkten Wirkung erregt, welche mit den Symptomen der zu heilenden Krankheit übereinstimmen, desto näher kommt die künstliche Krankheit der zu entfernenden, desto gewisser ist man des guten Erfolgs.“
1805 Erscheint das Büchlein „Äskulap auf der Waagschale“. Essenz daraus: Nicht der Stoff ist das Wesen, sondern das Wesen schafft sich mit Hilfe des Stoffes seine Offenbarung. Im gleichen Jahr erscheint auch „ Heilkunde der Erfahrung“. Diese Erscheinungen bringen den Umschwung der Homöopathie von der Ahnung und Mahnung zur Macht und Gewissheit.
Vieles was wenig später im Organon spezifischer enthalten ist wird mit der „Heilkunde der Erfahrung“ in allgemeinerem Sinne vorbereitet. So die Stellungnahme zum Wesen der Arznei: Arzneien sind nie für sich und unbedingt heilsam, sondern nur relativ. Im Gegensatz zu den Speisen und Getränken, welche unsere Kräfte erhalten und Verlorenes ersetzen, sind die Arzneien immer „widernatürliche Reize, bloss geeignet, unseren Körper umzuändern, das Leben und die Verrichtungen der Organe zu stören und widrige Gefühle zu erregen, mit einem Worte, den Gesunden krank zu machen.“ Ein Mittel, dem diese Tendenz fehlt, ist als Arznei nicht zu gebrauchen.
1806 Hahnemann benennt sein System als das „homöopathische“, Heilung mittels Hervorrufung ähnlicher Leiden, im Gegensatz zur Allöopathie, Heilung durch entgegengesetztes Leiden. Denkt der Allopath als Kausalanalytiker logisch, so der Homöopath als Schauender analogisch. Mit den beiden neuen Worten sind zugleich zwei Geisteshaltungen voneinander grundsätzlich geschieden. Eine die vom Sinn, eine andere, die von der Sinnlosigkeit der Krankheit durchdrungen ist. Damit, dass die Homöopathie in ihrem Vorgehen sich den Krankheitssymptomen mitsinnig angleicht, dass sie sie gleichsam in ihrer Tendenz bestärkt, sagt sie JA zu ihnen.
1810 Erste Auflage des Organon mit dem Titel: „Organon der rationellen Heilkunst“ (Hahnemanns Theologie ist seit seiner Siebenbürgener Zeit die der Freimaurer) Die zweite Auflage heisst nur noch Organon. („Grundlegung“ oder Instrument) Essenz: „Wähle, um sanft, schnell, gewiss und dauernd zu heilen, in jedem Krankheitsfalle eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden für sich erregen kann, als sie heilen soll.“
1811 Ein Brief vom 30. Januar 1811 ( Besetzung durch Napoleon) „Ich lebe (fast 56 Jahre alt) im Zirkel einer mir theuern Familie – eine Frau von seltener Güte und sieben fast erwachsenen Töchter, die mich auf Händen tragen und mir mein Leben (auch schon mit Musik) versüssen – zudem kann ich , was sich mir an Kranken anvertraut, fast ohne Ausnahme schnell, leicht und auf die Dauer heilen und so ein Menge Menschen glücklich machen – durch den, der die wunderbaren Mittel schuf und in meine Hand legte. Bin ich nicht fast zu beneiden? Aber, siehe, schon macht man alle Anstalten, um Torgau zu einer grossen, fürchterlichen Festung umzugestalten, in welcher die Meinigen sich nicht getrauen, in Ruhe zu leben. Ich muss mein liebes bequemes Freihaus verkaufen – und von dannen ziehen – unentschlossen – wohin? Sehen Sie, lieber Freund! So legt die allweise Vorsehung Kummer in die andere Waagschale, wenn die eine ein so grosses Übergewicht erhalten will.“
Zum dritten Mal hält Hahnemann Einzug in Leipzig im Herbst 1811, wo etwa zwei Jahrzehnte später sich die Brutstätte seiner ärgsten Widersacher entwickelt. Die Halbhomöopathen welche als grösste Gefährdung seines Lebenswerks wirken. 1921 erschien in Leipzig die 6. allein massgebliche „Organon“-Auflage. Jedoch auch die „bastardhomöopathische“ Richtung, die sich selbst die „naturwissenschaftlich-kritische“ nennt, hat in Leipzig ihr Hauptquartier bis zum Einmarsch der Sowjets, die aller Homöopathie (einer für jeglichen Kollektivismus unbrauchbaren Individualmedizin) ein Verbot auferlegte.
Es erscheint der erste Band der „Reinen Arzneimittellehre“ mit 63 genau durchgeprüften Arzneien (in der 2. Auflage sind es 66). Die Herren promovierten Ärzte, die das Buch zur Hand nehmen, schlagen es erschrocken wieder zu ob der Vielzahl der zu lernenden Symptome eines einzelnen Mittels. Also bleibt das geplante Insitut für promovierte Ärzte uneröffnet.
1812 Hahnemann hält seine erste Vorlesung. Seine Vorlesungen erweisen sich als Attraktion besonderer Art, und die Hörer strömen mehr und mehr herbei. Nicht etwa um der Homöopathie willen – das trifft nur auf wenige Ernsthafte zu - , sondern weil es Sensationen und Anlass zum Gelächter gibt. Er verdammt die alten Heilmethoden donnernd in den Orkus und legt die Wahrheit des Simile mit der Glut eines Beschwörers dar. Die Studenten grinsen, brüllen und toben. Einige wenige machen sich eifrig Notizen.Diese erkennen alsbald, dass es nur drei Möglichkeiten des Behandelns kranker Menschen gibt:
Man überlässt sie der Naturheilkraft. Diese reicht in vielen Fällen aus, eine Krankheit zu überwinden, ist aber in ihren Massnahmen meist grob, langwierig und schmerzhaft. (Fieber, Eiterung, Durchfall usw.) Man tritt unterdrückend gegen die von der Naturheilkraft dem Organismus verordneten Symptome auf, wie es die Allopathie tut. Man geht den homöopathischen Weg. Oder aber die Chirurgie. Ihr gilt Hahnemanns grundsätzliche Anerkennung, schon weil sie ganz auf Kunstheilung eingestellt ist. Er weiss auch, dass sie sich harmonisch mit einer homöopathischen Therapie vereinen lässt, vorausgesetzt, dass der Chirurg nicht um jeden Preis schneiden will.
Die wenigen Gutwilligen zieht er bald in sein privates Schaffen hinein, legt ihnen die Beteiligung an den Arzneiprüfungen nahe und wird somit einem kleinen Kreis von Jüngern der Meister und ein väterlicher Freund. In Leipzig nach der Völkerschlacht blüht Hahnemanns Praxis immer stärker auf. Nicht nur den Apothekern, auch den Ärzten gefällt Hahnemanns Erfolg nicht. Man ist vor allem ausserhalb Leipzigs besorgt, dass die neue Lehre Fuss fassen könnte. Man will offenkundig Hahnemanns Arznei als weit und breit üblichen Bestandteil der Schulmedizin hinstellen, um auf diese Weise der gefährlichen Homöopathie den Wind aus den Segeln zu nehmen. Hahnemann protestiert öffentlich. Damit gibt er das letzte Signal für den Grossangriff gegen ihn. Man greift auf die Apotheker zurück und setzt alle Hebel in Bewegung, den Gesetzesbrecher und Ruhestörer durch Polizeigewalt aus Leipzig entfernen lassen zu können.
1822 Im Juni geht ein Vertriebener zum Tor Leipzigs hinaus, jetzt aber kein Landfahrer mehr, sondern ein Mann hohen Rufs und Ruhms.
Für vierzehn Jahre wird Köthen, Hahnemanns neue Wohn- und Wirkstätte. Nicht eine bitter-süsse Zeit ist ihm beschehrt wie in Leipzig, sondern eine strenge. Er vervollständigt sein Lebenswerk mit der Entdeckung der Potenzierung, sowie der Psoralehre.
In einem Brief aus den Köthener Jahren schreibt er: „ habe keinen anderen Wunsch mehr, als noch das Gute, was das höchste Wesen mich noch zur Linderung der Leiden der Menschen finden liess und, ich kann wohl sagen, offenbarte, auch der Welt auf eine würdige Weise vorlegen zu können. Dann will ich gerne sterben.“
Einer seiner Schüler schreibt in seinen Erinnerungen: „So streng Hahnemann auf kindlichen Gehorsam hielt, so wenig hatte er das Regiment als Ehemann in Händen. Seine grosse, wohlbeleibte Gattin, die ihm wie einst Agnes Frei dem edlen Maler Albrecht Dürer, manche bittere Stunde machte, übte den nachteiligsten Einfluss auf ihn aus. Sie war es, die ihn selbst oft mit seinen treuesten Schülern in Zwiespalt setzte, sobald diese der Frau Doktorin nicht mit dem tiefsten Respect begegneten. Dem ungeachtet pflegte Hahnemann diese keifende Xanthippe, die ihre Freude daran fand, wenn sie plötzlich ein rechtes Donnerwetter im Hause erregen konnte, die edle Gefährtin seines Künstlerlebens zu nennen.“
Im Wesen bleibt Frau Henriette ein Beispiel seltener ehelicher Treue und Kameradschaftlichkeit, sie, die mit ihren zahlreichen Kindern einen der schwierigsten Menschen durch Leben zu begleiten hatte, die es jemals gab. Aber auch sie ist schwierig geworden in den vielen Jahren der Bewährung. Ausserdem vergisst Hahnemann seiner Frau nie, dass sie ihm elf Kinder geboren hat. Ein Brief aus dem Jahre 1816 gibt darüber Auskunft:
„Ich wenigstens habe jede Niederkunft meiner Frau, jedes dieser fast überirdischen Ereignisse in mein inneres Leben tief eingreifen lassen, jedes für einen Läuterunsprozess meiner Sittlichkeit vom gossen Principe des Guten, vom Vater der vollendeten Geister angenommen -, und habe mich bestrebt, diese schauerlichen, offenbar für die Ewigkeit berechneten Momente zur Säuberung und Reinigung meines Charakters anzuwenden – und wo ich noch Flecken an mir, Neid gegen meine Mitbrüder, irgend eine verdächtige, heuchlerische Falte in meinem Herzen, irgend eine Spur von Lüge oder Falschheit, irgend eine Neigung anders zu scheinen und zu reden, als mit meiner wahren Überzeugung übereinstimmte, entdeckte – habe ich es ausgefegt.....So habe ich mir in jenen herzerschütternden Stunden ein inneres Leben geschaffen, wie wir zu unserer ewigen Fortdauer nöthig haben und zu unserem dereinsitgen Übertritte in das Land der Vollendung. Vergeblich verbergen wir es uns in jüngeren Jahren, dass wir bloss zu diesem Zwecke existieren; unaufhaltbar werden wir diesem erhabenen Ziele entgegen getragen.... Schon steht die letzte Stunde, die letzte Minute der Übergangs zum Vater der reinsten Sittlichkeit und Tugend lebhaft vor meinen Augen, wo ich kaum merkbar noch mit kalter Hand nach oben hin werde zeigen können – und eben jetzt auch der letzte Augenblick -. Leicht, freudig und willkommen ist dieser Augenblick dem, der sich seiner würdig zu machen strebte.“
Mit dem Bemühen um die Erschliessung feinerer Arzneikräfte wird Hahnemann bewusst, dass die Verdünnung allein die grosse Wirkung seiner Arzneien ausmachen kann. Es wird ihm klar, dass sein Verschüttelungsprozess mehr bedeutet als blosses Verdünnen.
1827 findet er den passenden Ausdruck zu diesem Verfahren: Das Potenzieren. Durch sein Verschütteln wird etwas dynamisches frei, „Virtus“ die „Tugend“ des Stoffes, zugleich schwindet mehr und mehr das Stoffliche. Man denke an das Wort Shakespeares: „Dein Leib vermindere, mehre deine Gnade!“ Beiläufig entdeckt Hahnemann die Tatsache, dass man unlösliche Stoffe durch feinstes und immer wiederholtes Verreiben in einen Zustand der Löslichkeit bringen kann. Er entdeckt damit die Kolliodalchemie, die aber die Welt nicht an seinen Namen, sondern an den des Engländers Graham knüpft, der erst später zu denselben Einsichten kam.
Folgend entwickelt Hahnemann seine Krankheitslehre (Psoralehre): Aus der Haut, aus der Oberfläche bildet sich der Mensch. Alles Werden ist ein Werden von aussen nach innen. Der im Mutterschoss heranwachsende Keim entwickelt sich durch Einstülpung, Faltungsprozesse, Taschenbildungen. Wo später das Leben ganz tief von innen her am Werk zu sein scheint, da ist es eingefaltetes Aussen gewesen, das am Anfang war. Zu Hahnemanns Zeiten klären sich diese Einblicke in das embryonale Werden erst. Er nimmt nicht als Forscher an ihnen teil, nähert sich ihnen aber als Denker.
Psora entsteht dann, wenn der Körper, bzw. die Haut den Kampf gegen äussere Reize aufnimmt und die Antwort auf diesen Reiz (Rötung, Blutzufuhr, Schwellung, Jucken, Schmerz, Quaddeln, Pusteln, Ekzembildung) unterdrückt wird. So wird verhindert, dass der Mensch sich seiner Haut wehren kann und so hat die Schädigung den Weg frei ins Innere.
1828 erscheint sein drittes grosses Werk „Die chronischen Krankheiten, ihre eigentümliche Natur und homöopathische Heilung“.
1830 31. März. Henriette stirbt an einer bösartigen Lebergeschwullst, die sich Durchbruch in die Lunge verschafft.
1832 An seinen Freund Bönninghausen, schreibt er im Mai: „Jeden Monat mehr, sieht das vorher von allopathischen Widersachern bisher abgehaltene Volk ein, dass es bei mir, weder mit Arzneiflaschen gequält, noch sonst mit allerlei medizinischen Mardern gepeinigt, wohl aber unbeschwert geheilt wird, was bei jenen Barbaren fehlt und man belagert mich mit einer zahllosen Menge Kranker früh und spät, dass ichs nicht mehr aushalten kann und unterliegen muss, wenn mir Gott nicht bald einen Ausweg zeigt. In die anhaltischen Länder wird kein Homöopath zugelassen, seit Herzog Ferdinand, der Gründer meiner Freiheit, tot ist, und so weiss ich meinen grossen Überfluss von Kranken nirgends hinzuweisen. Meine vielen Korespondenzkranken müssen oft so lange warten, dass mich ob dieser gezwungenen Hintansetzung schaudert. Nicht eine freie Stunde zum Spazierengehen kann ich abmüssigen, und muss mich dieserhalb mit meinem kleinen Gärtchen am Hause begnügen. Noch habe ich keine von den tausend Nachtigallen nahe vor dem Tore gehört!....Bedauern sie mich! Ich weiss mir nicht mehr zu helfen, und ein Wunder Gottes ists, dass ichs bisher noch so aushielt.“
1834 Am 8. Oktober kommt ein Wagen durch Köthen gerollt. Eine Dame, noch jugendlich, in Männerkleidern, wie die Romandamen, des vor zwei Jahren verstorbenen Goethe, eine Patientin des Hofrates, unangemeldet eingetroffen. Melanie d’Hervilly-Gohier wohnt bei einem köthener Bekannten Hahnemanns. Sie ist Malerin, und überdies ist sie begeistert von dem, was Hahnemann ihr aus seiner Welt offenbart. Ein viertel Jahr lang besucht sie ihn täglich, hört ihm zu, stellt Fragen, studiert Wesen und Wirklichkeit der Similearznei und mahlt das klare vom weissen Schläfen- und Nackenlockenglanz umrahmte Antlitz des nun nicht mehr Einsamen.
1835 Am 18. Januar, erlebt Köthen etwas unfassliches, die beiden heiraten. Auch der Regierungsrat von Bönninghausen blickt fassungslos auf das entfaltete Briefpapier, als er am 8. Februar von seinem Freund und Meister mitgeteilt bekommt: „Für mich habe ich nur soviel hier auf Zinsen gelegt, dass ich allenfalls davon leben kann, mit meiner seit dem 18. Januar mir zutheil gewordenen Gattin Melanie von Hervilly genannt Gohier, einer ausgezeichnet vortrefflichen Dame aus Paris, die dort in hohem Ansehen steht, von den reinsten Sitten, vielen Kenntnissen, hellem Verstande und dem besten Herzen, gegen die ich zuerst die vollkommenste Liebe empfunden und die sie mir in vollstem Masse erwidert, vom schönsten Wuchse, 32 Jahre alt...Ich lebe mit meiner Gattin, vermöge einer Ehestiftung, in ganz getrennten Gütern, so dass meine Erben nichts von ihr (sie ist bemittelter als ich) so wie die ihrigen dereinst nichts von meiner Habe fordern können....Bis jetzt fühle ich mich sehr glücklich und munter in meiner neuen Einrichtung, zu welcher ich unzählige Schwierigkeiten zu überwinden hatte...“
Er ist der Kämpfe mit der Umwelt jetzt endgültig müde. Sein Frühling blüht – was soll er sich weiter vergiften lassen von Neid und bösem Grinsen, Verfolgung und Untreue. Er will endlich ein Leben eigenen Stils leben, ungehindert durch Gehässigkeit der Nachbarn nah und fern. Er will weit fortziehen aus der verhassten Atmosphäre. Am ersten Pfingstfeiertag reist er ab nach Paris.
Die Homöopathie blüht bereits in Paris. Seit einem Jahr gibt es schon zwei homöopathische Zeitschriften dort und ein „Institut Homoepathique“. Ausserdem werden Vorlesungen über Hahnemanns Idee und die daraus erfliessende Praxis der Heilkunst gehalten. Eine „Gallikanische Gesellschaft für Homöopathie“ fasst sämtliche homöopathischen Ärzte ganz Frankreichs zusammen, deren Sekretär Dr. Peschier schon 1834 in einem „An den grossen Hahnemann“ gerichteten Schreiben, diesem das Ehrendiplom überreicht hat.
Neben der Praxis, die an Wunder grenzende Erfolge hervorbringt, richtet Hahnemann noch eine Poliklinik ein, in der Arme gegen Gotteslohn kuriert werden. Hier waltet insbesondere Melanie als ausübende Ärztin. Aber auch er schaut nach dem Rechten und hilft den Ausgestossenen der Vorstädte, den Glochards, die unter den Steinbrücken schlafen, und den Armenhäuslerinnen mit ihrem Spitalhusten und ihrer Brotgicht zur Genesung.
Das Haus am linken Ufer der Seine, nahe dem Luxembourg, kann den Zustrom der Kranken aus allen Gesellschaftsschichten nicht mehr bewältigen, man muss an den Umzug denken. Melanie wünscht eine Stadtgegend die representativer ist. Sie wünscht vor allem grossartigere Räume. Mit Haut und Haar soll ihr Mann in den Stil des modernsten Paris hineinwachsen.
1837 Frühjahr. Er zieht, wie Melanie es wünscht, in die Rue de Milan, die zwischen dem Boulevard Haussmann und der Rue de Clichy liegt. Hier weht nicht mehr der Hauch des Luxembourg Gartens durch die Fenster, hier regiert die grosse Stadt den Tag und die Nacht. Hahnemann fühlt sich auch dort glücklich.
Hahnemanns Töchter, Amalie, Louise, Lotte, Ricke und Lore wissen noch nicht, dass in ihrer Zukunft jeder von ihnen das Messer eines Mörders vorbestimmt ist. Melanie wird als homöopathische Ärztin, ungeachtet ihrer Millionenerbschaft weiterpraktizieren, weil der Ruhm ihr keine Ruhe gönnt, bis man ihr, den aus Amerika verliehenen Doktortitel bestreitet und durch pariser Gerichte die Praxis untersagt. Sie wird Hahnemanns Töchter nicht gut behandeln, keine offene Hand finden sie bei der Stiefmutter. Auch den Nachlass des Vaters, die sechste, auf der letzten Stand der Prägnanz gebrachte Organon-Auflage, gibt sie bis zu ihrem Tode nicht her.
Abermals werden an Hahnemanns Geburtstag rauschende Feste gefeiert. An einem 86. Geburtstag öffnet er neugierig eine grosse Dokumentenrolle. Es ist der Ehrenbürgerbrief der Stadt Meissen. Der Ring will sich schliessen. Ursprung und Vollendung rühren einander an. Hahnemann fühlt es. Leise tritt er in den Hintergrund, lässt Melanie das Wesentliche der Praxis bestreiten und bleibt bloss der wache Meister, dessen Anwesenheit das Schaffen adelt.
1843 Auch der 88. Geburtstag Hahnemanns wird prunkvoll gefeiert. Der 10. April dehnt sich als Festtag wieder bis in die Morgenstunden des 11. hinein. Der 11. selbst hebt früh wie immer mit der Sprechstunde an. Aber tags darauf befällt ein Luftröhrenkatharr den alten Mann. Durchfall gesellt sich hinzu. Melanie eilt zum Apothekenschrank mit den Hochpotenzen. Hahnemann winkt ab „diesen Anfall werde ich nicht überleben, meine irdische Hülle ist verbraucht.“
In den Morgenstunden des 2. Juli 1843 steht das Herz still. Melanie lässt den Leichnam einbalsamieren. Sie schickt keine Todesanzeigen hinaus. Neun Tage bleibt sie bei dem Toten, nachdem sie sich von der Polizei die Genehmigung erbeten hat, die Beerdigung erst nach zwei Wochen veranlassen zu dürfen. Am 11. Juli endlich, wird Hahnemann begraben. Es regnet in strömen. Keine Gedenkrede, kein Priester, keine Musik ausser der des Regens, keine Blumen ausser denen der Ewigkeit.
Friedhof Montmartre, 1. Bezirk, 1843, Abteilung C.P. 324, Grab Nr. 1252.
1898 fällt ein wenig Licht auf das Geheimnis der Bestattung, die armselig und düster gewesen ist nach so vielen Jahren des Glanzes und vielen Festlichkeiten. Man gräbt die Leiche aus, um sie auf dem Père Lachaise nochmals beizusetzen. Diesmal aber würdig und mit einem Geleit berühmter Ärzte. Im Sarge liegen die sterblichen Reste. Zwei Emaileaugen, die dem Toten, statt der richtigen vom Einbalsamierer eingesetzt worden sind, rollen den bergenden Händen entgegen. Abgeschnittene Locken von Melanie schlingen sich um den Hals des Skeletts. Man nimmt den Trauring ab und untersucht die Inschrift. Sie lautet „Samuel Hahnemann, Melanie d’Hervilly, verbunden Cöthen, 18. Januar 1835.“ Dann wird der Ring zurückgesteckt auf den Fingerknochen der rechten Hand. Am Fussende des Sarges findet sich eine versiegelte Flasche. Unter dem Siegel ein Glasstopfen. Alles schaut wie gebannt auf den Inhalt, der vorsichtig herausgenommen wird. Es ist eine Urkunde über die erfolgte Einbalsamierung. Eine goldene Reliefbüste mit Hahnemanns Profil von David d’Angers und ein Brief. Melanie hat den Brief geschrieben und ihrem Manne ins Grab mitgegeben. Jetzt ruht sie selbst schon längst in der gleichen Erde des gleichen dunklen Berges. Fremde Menschen lesen an einem offenen Sarge ihren letzten Liebesbrief.
„Christian Friedrich Samuel HAHNEMANN, geboren in Meissen in Sachsen, am 10. April 1755, gestorben in Paris am 2. Juli 1843. Seine Frau Marie Melanie d’Hervilly wird sich im Grabe mit ihm vereinen wie er es gewünscht hat, und man wird die Worte darüber setzen, die von ihm stammen: "Hoc nostro, cinere cinis, ossibus ossa, sepulcro Miscentur, vivos ut sociavit amor."
„In diesem Grabe sind Asche mit Asche, Gebeine mit Gebeinen vereint, wie die Liebe die Lebendigen vereinigt hielt..“
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