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Wir freuen uns, Ihnen den zweiten Band der Revidierten Materia medica vorlegen zu können. Eröffnen möchten wir ihn mit dem folgenden Absatz aus der Vorrede zur Muskatennuss im Heraklides, Heft 1, Leipzig 1833, von Carl Gottlob Helbig:
"Selbst bei symptomenreichen Krankheiten werden gewiss jedem Homöopathiker Fälle vorgekommen seyn, wo ein alle Zufälle einer Krankheit deckendes Mittel dennoch den Zustand nicht erleichterte, ja, was bei unvollkommen passenden Mitteln nicht selten geschieht, ihn vielleicht temporär verschlimmerte, und jedem hat sich gewiss in solchen Fällen, wo trotz aller sorgsam gewählten und auch für den Augenblick gegen einzelne Beschwerden nicht erfolglos angewendeten Mitteln, das Hauptleiden im Ganzen keine Rückschritte zur Gesundheit machte – der Gedanke aufgedrungen, dass uns zur Wahl des richtigen Mittels noch irgend ein Umstand, ein gewisses Etwas ermangle."
Wir kämpfen heute – genauso wie die Homöopathen des 19. Jahrhunderts – mit denselben Mängeln. Ein Beweis dafür, dass die Homöopathie noch in den Kinderschuhen steckt! Es gibt noch viel zu tun: Angefangen bei den Arzneimittelprüfungen, die zum Teil mit mehr Probanden, zum Teil "lege artis" nachzuholen wären, über die Prüfung neuer Substanzen, bis zum kontroversen Vergleich der verschiedenen methodischen Richtungen sind heute alle Homöopathen aufgefordert, weiter zu forschen, zu klären und zu entwickeln.
Wir versuchen, unseren Beitrag "zum gewissen Etwas" zu leisten, indem wir über die Neuordnung bestehender Arzneimittelprüfungen, einen systematischen Zugang zu den psychischen Empfindlichkeiten der jeweiligen Arzneikraft suchen. Die Ergebnisse halten wir in Form einer Hypothese fest. Es gilt, diese in der Praxis zu bestätigen und gegebenenfalls zu modifizieren.
Eine Einführung in die entsprechende Methodik und die Veränderungen in der Praxis, die sich aus dieser Arbeit ergeben, sind im ersten Band der vorliegenden Materia medica publiziert.
Zu Ehren von Dr. Edward C. Whitmont haben wir die Arzneimittelprüfung von Aristolochia überarbeitet, welcher er einen Platz unter den Polychresten einräumen wollte.
An dieser Stelle möchten wir mit Auszügen aus einem Interview von 1998 in Bad Aibling an ihn erinnern:
Die Psora ist der Normalzustand. Sie ist das Prinzip der Individuation. Ein Aspekt des menschlichen Seins und der menschlichen Entwicklungsnotwendigkeit. Die Entwicklung geht Schritt für Schritt. Das Ich-Gefühl will alles so haben wie es gestern war und widersetzt sich der Wandlung. Doch Wandlung ist notwendig. Die Überwindung dieses Widerstandes empfinden wir als Störung, als Krankheit. Das Festhalten an alten Schritten erzeugt ein illusionäres Selbstbild. Krankheit ist der Druck zur Überwindung der Illusion.
Das Leben ist eine Auseinandersetzung zwischen dem Selbstbild und der schicksalhaft gegebenen Bestimmung. Das ist immer mit Spannung und Konflikten verbunden. Dem sind wir quasi hilflos ausgesetzt. Hilfe bekommen wir aus der Welt der Bilder. Aus ihr sprechen die Träume, die Mythologie, die künstlerischen Ausdrücke und die Arzneimittel.
Gegen die Heilung gibt es oft Widerstände. Homöopathie kann die Welt der Bilder öffnen, Entscheidungen treffen muss der Patient selber. Krankheit verlangt Bewusstwerdung. Bewusstwerdung ist nicht immer Heilung. Es gibt Dinge die zerbrechen – manche kann man wieder kleben und andere nicht.
Dr. Edward C. Whitmont, geboren 1912 in Wien, war homöopathischer Arzt und Psychoanalytiker in Connecticut/USA und Autor mehrerer Bücher. Sein Anliegen war es, die Homöopathie Hahnemanns mit der Psychoanalyse C.G. Jungs in Verbindung zu bringen. Er starb am 21. September 1998.
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