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Revidierte Materia medica homoeopathica
Susanne B. Studer, Esther Ostermünchner: Revidierte Materia medica homoeopathica, Bd. 1, Verlag HOMOEOPATHIE IM ZENTRUM, Hägglingen 2000, 400 Seiten, Paperback, SFR 104.- Euro 69.-, ISBN 3-9522487-0-3
Vermutlich war Alfonso Masi-Elizalde der erste Homöopath, der explizit postulierte, dass auch sog. kleine (heisst: in der Tradition der Homöopathie vergessene) Mittel für Konstitutionsbehandlungen wichtig sind, und dass diese kleinen Mittel in chronischen Fällen über mehrere Jahre hinweg erfolgreich eingesetzt werden können. Er hat diese Prämisse nicht nur formuliert, sondern auch Wege vorgezeichnet, wie das Wissen um diese kleinen Mittel erweitert werden kann. Susanne Studer und Esther Ostermünchner (beide VKH-Mitglieder) beschäftigen sich seit mehreren Jahren in Arbeitsgruppen intensiv mit der Masi-Methode. Im vorliegenden Band werden die Ergebnisse ihrer Beschäftigung mit 24 homöopathischen Mitteln präsentiert, die zwar vom Namen her bekannt, jedoch in ihrer Wirkungsweise und in ihren Anwendungsmöglichkeiten in der Homöopathie bisher vernachlässigt oder auf Akutsituationen reduziert worden sind.
In einer Einführung werden die Grundgedanken der Masi-Ansatzes verständlich dargestellt. Neben einem revidierten Miasmenverständnis (siehe unten) gehört dazu die Methodik, dank welcher das Wissen über kleine Mittel erweitert und vertieft wird. Ausgangspunkt sind die ursprünglichen Prüfungsberichte der einzelnen Mittel, auf deren Basis zu jedem Mittel widerkehrende Themen erarbeitet werden. Diese Themen werden in einem weiteren Arbeitsprozess interpretiert, um danach Hypothesen über die Kernidee eines Mittels formulieren zu können.
Susanne Studer und Esther Ostermünchner haben bei ihrer Umsetzung den Ansatz von Masi von seinen moral- und theologielastigen Aspekte befreit, was es den LeserInnen ermöglicht, die wesentlichen fachlichen Aspekte des Vorgehens ohne überflüssigen Ballast (und wohl auch ohne inneren Widerstände) nachzuvollziehen.
Zur Masi-Methode gehört auch ein revidiertes Miasmenverständnis, welches von der Erkenntnis ausgeht, dass jedes Mittel letztlich alle Miasmen in sich vereinigt. Nach Masi ist die sekundäre Psora die erste Reaktionsweise (Angst, Leiden) des Menschen auf sein individuelles Grundproblem (primäre Psora), das seit Geburt besteht. Die Empfindungen der sekundären Psora werden als unangenehm erlebt und deshalb mit Kompensationsmustern aufgefangen (tertiäre Psora; Sykose), die ein momentanes Gleichgewicht ermöglichen. Die Syphilis (Rückzug, Depression oder zerstörerische Aggression) ist die Ausdrucksweise der folgenden Dekompensation, wenn dieses Gleichgewicht in sich zusammenfällt. Dieses Miasmenverständnis hat – und das ist meiner Meinung nach einer der wesentlichsten Erkenntnisse, die über die MASI-Arbeit hinaus für die Homöopathie relevant sein müsste – wesentliche Konsequenzen für die Verlaufsbeurteilung: Im Heilungsprozess werden die angeeigneten Kompensationsmechanismen (sekundäre, tertiäre Psora) ‚aufgelöst’, was dazu führen kann, dass die ursprünglichen Aengste und Unsicherheiten der sekundären Psora vorübergehend wieder stärker verspürt werden (psorische Krise). Im klassischen, letztlich aber mechanistischen Modell werden Verschlimmerungen auf der emotionalen/geistigen Ebene bei gleichzeitiger Verbesserung körperlicher Symptome pauschal als negativ beurteilt. In dieser revidierten Sichtweise ist eine emotionalen Krise nicht bereits zwingend ein Zeichen eines schlechten Fallverlaufs, sondern kann gerade bei einer Similimum-Verschreibung einen wichtigen, unumgänglichen Schritt im Heilungsprozess bedeuten.
Die übersichtlich präsentierten Themenlisten und die formulierten Interpretationen zu den Mitteln (Absinthium, Aethusa, Allium cepa, Asa foetida, Castoreum, Crocus sativus, Helonias, Phellandrium etc.) sind eine Fundgrube für alle jene HomöopathInnen, die aus ihrem Polychrestdenken ‚ausbrechen’ möchten und nach Möglichkeiten suchen, unbekanntere Mittel in ihrem Kern zu verstehen. In einem der Themenliste zu den Mitteln vorangehenden Synthese werden die zentralen Grundideen des Mittels jeweils zusammmengefasst, so dass man sich schnell einen Eindruck von einem Mittel verschaffen kann, das man besser und tiefer kennenlernen möchte.
An diesem Punkt sei aber auch eine kritische Frage betr. der Reichweite der Masimethodik erlaubt: geben uns die Arzneiprüfungssymptome allein genügend Hinweise für ein besseres Mittelverständnis? Die akribische Zusammenfassung und wörtliche Widergabe der ursprünglichen Prüfungssymptome nach Themen wirkt zwar umfassender und seriöser als die blosse Auflistung von Repertoriumsrubriken wie zB. bei Sankaran, allerdings gibt es inzwischen zeitgenössiche Ansätze zum Verständnis kleiner Mittel, die besonderes Gewicht auf die Auswertung geheilter und gut dokumentierter Fälle legen, um Themen und Hypothesen zu einzelnen Mitteln zu formulieren. Meiner Auffassung nach ist für die Zukunft der Homöopathie der zusätzliche Einbezug dieser praktischen und empirischen (patientenzentrierten) Ebene für das Verständnis kleiner (aber auch grosser!) Mittel unumgänglich. Auch Arzneimittelhypothesen müssen in der Praxis bestätigt werden. Niemand kennt ein bestimmtes Arzneimittel besser als die damit geheilten PatientInnen, die mir ihren Berichten und Aeusserungen unser Verständnis zu Struktur und Reaktionsweise eines homöopathischen Mittels über die reinen Prüfungssymptome hinaus vertiefen können. Deshalb darf man mit Spannung die für einen spätere Veröffentlichung angekündigte Darstellung konkreter Fälle der beiden Autorinnen erwarten. Warum nicht Theorie, nüchterne Analyse und lebendige Praxis zum besseren und plastischen Verständnis in einem Band zusammenführen?
Subskriptionsangebot: Ein 2. Band mit weiteren Mitteln ist in Vorbereitung und die Veröffentlichung für den Herbst 2005 geplant. Er kann zum Subskriptionspreis von SFR 89.-/ Euro 59.- unter www.homiz.ch vorbestellt werden. Besprochene Mittel: Aesc., Agn., Arist., Bufo, Nux-m., Ran-b., Ruta, Viol-o., Viol-t. etc.
Felix Morgenthaler Co-Präsident VKH
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Meisterinnen ihres Fachs
Studer, S.B. & Ostermünchner, E. (2002): Revidierte Materia medica homoeopathica. 398 S.; Hägglingen (Verlag Homöopathie im Zentrum).
Die Autorinnen haben seit 1998 mehrere Seminare zur so genannten Masi-Methode erteilt. Dank dieser Erfahrung ist es ihnen gelungen, die bisher eher komplizierte Lehre des argentinischen Homöopathen wesentlich zu strukturieren und zu vereinfachen, um die wertvollen Erkenntnisse erstmals auch einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. In einem ausführlichen Vorwort wird dargelegt, wie die einzelnen Arzneimittel-Hypothesen zustande kommen und dank welchen Analysetechniken die Autorinnen zu den vorliegenden Darstellungen gelangen. Der stets gleich bleibende Aufbau im Mittelstudium und in der grafischen Darstellung erlaubt dem Leser einen schnellen Zugang zum "roten Faden" der jeweils besprochenen Substanz. Dabei scheint einer der Vorzüge dieser Methodik darin zu liegen, dass auch in kleinen Mittlen unverhofft "grosse Persönlichkeiten" aufgespürt werden können. Eine interessante Sichtweise erschliesst sich durch die "miasmatische Dynamik". Galt ein Mittel bisher beispielsweise als vorwiegend "psorisch", "sykotisch", wird hier dargelegt, dass sich die Miasmen dynamisch entwickeln und im gleichen Krankheitsgeschehen, resp. innerhalb des gleichen Mittelbildes in unterschiedlicher Ausprägung sichtbar werden können. Besonders wertvoll ist diese Materia Medica dort, wo sie vom Praktiker zur Differenzialdiagnose herangezogen werden kann. Hier genügt ein kurzer Blick, um einen Eindruck von der psychischen Struktur der entsprechenden Arznei zu bekommen und damit auch die Verordnung kleiner Mittel sicherer zu machen. Wer sich ausfühlicher mit einer Substanz befassen will, bekommt hier seriös dokumentierte Grundlagen (Original Prüfungssymptome) und ein brauchbares Werkzeug zum vertieften Studium in die Hand. Abschliessend bleibt zu erwähnen, dass das Buch sich durch eine ansprechende Aufmachung auszeichnet. Zu jedem der 24 Mittel gibt es eine sorgfältig ausgesuchte ganzseitige Farbabbildung. Darunter sind auch selten veröffentlichte Fotos z.B. von Ratanhia oder Asa foetida zu finden. Homöopathie Zeitschrift II/03
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